stAlucards eyes
Fantasy - Der Soldat

Jim hatte schon vor langem vergessen, wann dieser Krieg begonnen hatte oder warum. Er zählte nicht mehr die Tage bis der Krieg vorbei war, sondern die Tage die er am Leben blieb, seit er in das Schlachtfeld geschickt wurde. Er hockte zusammengesunken in einem Schützengraben und schloss seine Augen. Irgendwo hörte er ein Wimmern. Er brauchte nicht hinzusehen um zu wissen, dass wieder jemand erwischt wurde. Er würde nicht dran sterben, zumindest vorerst. Doch die Wunde würde sich mit dem Dreck vermischen und entzünden. Da die Sanitäter alle selbst entweder tot oder geflohen waren, konnte er auf keine Hilfe hoffen und würde elendig an einer Kugel im Fuß sterben. Vermutlich würde er gar nicht so lange warten, sondern sich vorher das Leben nehmen. So wie Jones vorgestern, als man den Kopf seines entführten Bruders in den Graben geworfen hatte.
Jim war es so Leid, jeden Tag seine Kameraden sterben zu sehen. Er wollte nicht mehr hören, wie sie nach ihrer Mutter schrien, wenn sie im sterben lagen, wollte nicht mehr sehen, wie sie verzweifelt versuchten, ihre Gedärme aufzusammeln oder ihr weg gefetztes Bein unter den Arm nahmen und in den Graben humpelten. An das Geräusch der Schüsse und der Granaten gewöhnte man sich sehr schnell. Die erste Granate, die in unmittelbarer Nähe explodiert war, hatte ihm das Gehör auf der rechten Seite genommen. Stopfte er sich nachts eine Patrone ins andere Ohr, konnte er sogar manchmal schlafen. Doch schlafen war nicht gut. Es sorgte nur dafür, dass er all die schrecklichen Szenen erneut durchleben musste. Darum hatte er irgendwann aufgehört zu schlafen. Hin und wieder übermannte ihn die Müdigkeit, ließ ihn unachtsam werden oder für ein paar Minuten einnicken, doch weckte ihn der schiere Gedanke an den Tod wieder auf. Er starb. Er würde elendig verrecken. Erschossen im Schlaf. Vielleicht sogar von seinen eigenen Kameraden, die nach und nach die Besinnung verloren, nicht mehr zwischen Freund und Feind unterschieden.

Er spähte zeitgleich mit seinem Mitstreiter links von ihm über den Rand des Grabens. Ein lautes Platschen ertönte. Der Kopf des Kollegen wurde nach hinten gerissen. Das Gesicht war ein einziger blutverschmierter Klumpen. Scharfschützen. Wieder einer weniger. Dieses Mal hatte er Glück gehabt. Die Leiche neben ihm fiel endlich rückwärts zu Boden. Eine kleine Lache sammelte sich um sie. Jim rutschte ein paar Meter von ihm weg und nahm sein Gewehr. Niemand schenkte dem Toten mehr Beachtung. Er hatte es hinter sich. Er war raus aus dieser Hölle.
Vorsichtig schaute er durch das Visier seiner Waffe. Dort stand ein Kind hinter einem ausgebrannten Panzer, mit einem Scharfschützengewehr in der Hand. Jim zielte auf dessen Kopf und schoss. Dem Jungen wurde der Unterkiefer förmlich weggesprengt, doch auch das war Jim egal. Alter, Geschlecht, Nationalität, Name. Alles wurde bedeutungslos an einem Ort, an dem jeder nur um sein eigenes Überleben kämpfte. Die Regeln waren denkbar einfach. Jeder, der eine Waffe bei sich trug spielte mit. Wer dich sah und nicht auf dich schoss, war dein Freund, alles andere war der Feind. Hatte er dich noch nicht gesehen, so hast du Glück gehabt und kannst ihm zuvorkommen. Wobei Jim immer mehr das Gefühl hatte, dass der entdeckte mehr Glück hatte. Ihm wurde der weitere Verlauf dieses Gemetzels erspart. Er brauchte sich um nichts mehr sorgen, außer um die letzten zwei, drei Atemzüge, vielleicht noch um die Familie, die er zurückgelassen hatte, Frau und Kinder, welche ein paar Tage später die Todesnachricht von jemandem überreicht bekommen würde, der fest behauptete, Seite an Seite mit ihrem Mann gekämpft zu haben.
Dabei war er nie auf dem Schlachtfeld gewesen, ja, war nicht einmal drüber hinweggeflogen. Er hatte lediglich die Hundemarke, das „Dogtag“ zugeschickt bekommen, falls man überhaupt dazu kam, dem gefallenen dieses zu Entwenden. Alle Daten standen dort drauf. Alle menschlichen Daten über den Mann hinter der Nummer 08/15 der Brigade Bravo. Der Mann wurde zu seiner Hundemarke, kaum dass er sie um sich gehangen und das Schlachtfeld betreten hatte. Alles, was man mit dem Mann verband verschwand, sobald er den ersten Feind erschossen hatte. Der Mensch verliert alles Menschliche im Krieg, so heißt es. Gerade das macht ihn menschlich.


Jim griff nach seiner Wasserflasche. Obwohl sie leer war setzte er sie sich an die Lippen, versuchte, auch nur den kleinsten Tropfen Flüssigkeit herauszupressen. Nichts. Jim verzweifelte, doch nicht einmal mehr Tränen wollten aus seinen roten, ausgebrannten Augen fließen. Die spröde Haut brannte ihm im Gesicht, weil die Sonne unentwegt auf ihn herab schien. Scheinbar hat Gott doch einen Sinn für Sarkasmus. Inmitten all der Toten, direkt zwischen den Fronten stand ein Kaktus in voller Blüte. Das einzig lebendige im Umkreis von 10 Meilen. Die Kämpfer waren alle schon tot, nur ließ der Tod sich Zeit und wählte mit Bedacht die Glücklichen aus, die vor den anderen dem Kampf entfliehen konnten.

Und da wurde es ihm klar. Jim verstand, was an seinem puren Kampf ums Überleben so falsch war. Er hatte ihn bereits verloren. Vielleicht hatte er keine äußeren Wunden, vielleicht stellte er sich aber auch nur vor, unverletzt zu sein. Und da, der Kaktus, das Symbol des Lebens. Dieser Wink war doch eindeutig. Er sollte zu ihm gehen, dann hatte sein Leiden ein Ende.

Jim lächelte, schmiss sein Gewehr neben die Leiche seines Mitstreiters und stand auf. Neue Kraft machte sich in ihm breit. Wieso war ihm das vorher noch nicht aufgefallen. Jeder hier war bereits tot, gestorben in einem Kampf, der niemals enden sollte. Ihre Hölle war es, auf ewig zu kämpfen. Nur wer dies begriffen hatte wurde erlöst. Er hüpfte aus dem Graben. Irgendwer hinter ihm murmelte etwas, dass er zurückkommen solle. Nein, dachte Jim. Niemals würde er zurückkommen. Er wusste, dass niemand außer ihm den Kaktus sehen könnte. Er war auserwählt worden, dieser Schlacht zu entfliehen. Er lief los, verfiel sofort in einen Trab. Schneller konnte er nicht laufen. Endlich, sein Leiden würde vorbei sein. Das Paradies erwartete ihn.

Eine kleine Metallkugel, abgefeuert von Kinderhand aus einem Scharfschützengewehr bahnte sich den Weg durch Jims linken Lungenflügel und sorgte dafür, dass er den Kaktus nie erreichte. Und doch war Jim nicht traurig. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Er hatte gewonnen. Er war tot.
2.2.07 22:59
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Tini - BöseSeite / Website (2.2.07 23:13)
man kann sich das alles so schön vorstellen wenn man Saw gesehen hat XD
aber wie gesagt, du hast auch eine ziemlich geniale schreibweise drauf wo es einem beim lesen automatisch im kopf bildlich vorgestellt wird.

Geschichten über den Tod, das Schicksal von irgendwem kannst du extrem gut schreiben, ich erinnere mich zu gerne an den Fiedler ^^

auf jedenfall bin ich dann mal auf weitere geschichten dieser art gespannt, mal sehen wie viele du schreibst.

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